DeFi steht für dezentrale Finanzen: Kredite, Tausch, Zinsen und Handel, aber abgewickelt von Programmcode statt von einer Bank. Dieser Leitfaden erklärt, wie die einzelnen Bausteine arbeiten, welche Protokolle den Markt tragen, wo die Rendite tatsächlich herkommt und welche Risiken in keinem Werbetext stehen.
Was ist DeFi, und was daran ist wirklich neu?
Eine Bank erfüllt drei Aufgaben: sie verwahrt Geld, sie vermittelt zwischen Sparern und Kreditnehmern, und sie garantiert die Abwicklung. DeFi ersetzt die dritte Aufgabe durch einen Smart Contract, also durch Programmcode auf einer Blockchain, der ohne Zutun abläuft, sobald die Bedingungen erfüllt sind.
Neu ist daran nicht das Produkt. Einen Kredit gegen Sicherheit gibt es seit Jahrhunderten. Neu sind vier Eigenschaften:
- Offen. Kein Antrag, keine Bonitätsprüfung, nur eine Wallet.
- Nachprüfbar. Der Code und jede Transaktion sind öffentlich.
- Kombinierbar. Protokolle bauen aufeinander auf wie Bausteine.
- Ohne Öffnungszeiten. Abwicklung in Sekunden, jeden Tag.
Wie unterscheidet sich DeFi vom klassischen Finanzsystem?
| Bank | DeFi | |
|---|---|---|
| Zugang | Ausweis, Konto, Prüfung | Wallet genügt |
| Öffnungszeiten | Werktags, Valuta in Tagen | durchgehend, Abwicklung in Sekunden |
| Sicherheit der Einlage | Einlagensicherung, in der EU 100'000 Euro | keine, der Code haftet nicht |
| Kredit | gegen Bonität | gegen Überbesicherung |
| Ansprechpartner bei Fehlern | Beschwerdestelle, Gericht | in der Regel keiner |
Die letzte Zeile ist die wichtigste. Was als Freiheit beworben wird, ist gleichzeitig der Verzicht auf jede Instanz, die einen Fehler korrigiert.
Welche Bausteine gibt es?
- Dezentrale Börsen. Tausch direkt aus der Wallet, ohne Konto. Statt eines Orderbuchs rechnet eine Formel den Preis aus dem Verhältnis zweier Bestände in einem Liquiditätspool. Uniswap hat dieses Modell bekannt gemacht.
- Kreditprotokolle. Du hinterlegst Sicherheiten und leihst dir einen kleineren Betrag. Aave und Compound sind die bekanntesten. Fällt der Wert der Sicherheit unter eine Schwelle, wird automatisch liquidiert.
- Stablecoins. Die Recheneinheit des Systems, weil Kredite in einer schwankenden Währung kaum handhabbar wären. Wie sie gedeckt sind, steht im Leitfaden zu Stablecoins.
- Liquid Staking. Du hinterlegst Coins zur Netzwerksicherung und bekommst einen handelbaren Beleg dafür, der weiter nutzbar bleibt.
Woher kommt die Rendite wirklich?
Das ist die entscheidende Frage bei jedem Angebot. Es gibt genau drei ehrliche Quellen, und eine vierte, die nur so aussieht.
- Zinsen von Kreditnehmern. Jemand zahlt, um sich Kapital zu leihen. Diese Rendite ist echt, schwankt aber mit der Nachfrage.
- Handelsgebühren. Wer Liquidität bereitstellt, bekommt einen Anteil der Gebühren. Ebenfalls echt, hängt am Handelsvolumen.
- Netzwerkbelohnung. Die Ausschüttung für das Sichern einer Proof-of-Stake-Kette. Echt, aber sie verwässert den Bestand aller anderen.
- Ausgabe eigener Token. Das Protokoll verteilt neu geschaffene eigene Token. Solange der Kurs hält, sieht das aus wie Rendite. Es ist eine Marketingausgabe, und sie endet.
Zweistellige Prozentwerte stammen fast immer aus der vierten Quelle. Wer die Herkunft einer Rendite nicht in einem Satz erklären kann, kennt sie nicht.
Was ist ein Liquiditätspool, und was ist der unbeständige Verlust?
In einem Pool liegen zwei Vermögenswerte in einem festen Wertverhältnis, bereitgestellt von vielen Teilnehmern. Wer tauscht, nimmt das eine heraus und legt das andere hinein. Die Formel verschiebt dabei den Preis, ganz ohne Käufer und Verkäufer.
Bewegt sich einer der beiden Kurse deutlich, hält ein Anbieter danach mehr vom schwächeren und weniger vom stärkeren Wert. Der Vergleich zum blossen Halten fällt dann negativ aus. Dieser Effekt heisst unbeständiger Verlust, und er ist nicht unbeständig: er verschwindet nur, wenn der Kurs exakt zurückkommt. Die Gebühren müssen ihn also erst ausgleichen, bevor der erste Franken Gewinn entsteht.
Welche Risiken sind real?
- Fehler im Code. Ein Smart Contract tut, was dasteht, nicht was gemeint war. Geprüfte Verträge sind sicherer, aber ein Audit ist eine Momentaufnahme, keine Garantie.
- Liquidation. Fällt die Sicherheit unter die Schwelle, wird verkauft, automatisch und ohne Nachfrage. In hektischen Phasen trifft das viele gleichzeitig und beschleunigt den Fall.
- Abhängigkeit vom Stablecoin. Verliert der verwendete Stablecoin seine Bindung, reisst er alles mit, was auf ihm aufbaut. Der Zusammenbruch von Terra im Mai 2022 hat das in wenigen Tagen vorgeführt.
- Freigaben. Beim Verbinden erteilst du oft unbegrenzte Zugriffsrechte auf deine Bestände. Diese Freigaben regelmässig prüfen und entziehen.
- Steuer. Jeder Tausch, jede Belohnung, jede Liquidation kann ein steuerlich relevanter Vorgang sein. Ohne lückenlose Aufzeichnung wird die Erklärung zur Rekonstruktion. Siehe Krypto-Steuern.
Wie fängst du vernünftig an?
Mit einem Betrag, dessen Totalverlust dich nicht trifft, auf einer etablierten Kette, in einem Protokoll, das mehrere Marktphasen überstanden hat. Zuerst eine einzelne Aktion verstehen, etwa einen Tausch auf einer dezentralen Börse, und die Gebühren dabei mitlesen. Danach entscheiden, ob der Aufwand den Ertrag wert ist. Für viele lautet die ehrliche Antwort nein, und auch das ist ein Ergebnis.
Was du dir merken solltest
- DeFi ersetzt die Abwicklung durch Code, nicht das Risiko.
- Kredite laufen über Überbesicherung, nicht über Bonität.
- Es gibt keine Einlagensicherung und in der Regel keinen Ansprechpartner.
- Hohe Renditen stammen meist aus neu ausgegebenen Token, nicht aus Ertrag.
- Der unbeständige Verlust ist der Preis dafür, Liquidität bereitzustellen.
Weiter im Lernbereich: die Übersicht DeFi, Stablecoins verstehen und wie eine Blockchain funktioniert.